«Ich werde manchmal sogar vor ganz normalen WODs noch nervös»

Dottir. Es ist nicht nur das isländische Wort für «Tochter», sondern hat in der CrossFit-Welt noch weitere Bedeutungen: Es steht für Kraft. Ausdauer. Kampf- und Sportsgeist. Denn spätestens seit sich Annie Thorisdottir 2012 zur fittesten Frau der Welt krönte, ist klar: Die Frauen von der Insel sind stark. Richtig, richtig stark. Das gilt auch für Thuridur «Thuri» Helgadottir. Wir sprachen mit der CrossFit-Topathletin über ihr Training, die Nervosität vor grossen und kleinen Wettkämpfen – und ihr Leben in der Schweiz.



Bild: Orazio Guarnieri

Es ist anfangs Januar, als ich auf den Parkplatz von CrossFit Zug einbiege. Ich bin hoffnungslos zu früh für mein Interview mit einer der fittesten Frauen der Welt. Thuri Helgadottir, die an den letztjährigen CrossFit Games den neunten Platz belegen konnte, befindet sich darum noch mitten in ihrer ersten Trainingssession. Ich beschäftige mich in der Zwischenzeit mit ihrem Hund Rocko und warte. Die Box ist an diesem Morgen leer und demensprechend laut hallt der Knall der schweren Gewichte wider, die Thuri Helgadottir beinahe beiläufig stemmt, droppt und dann gleich erneut wieder in die Höhe wuchtet. Es ist das erste Mal, dass ich einer Top-10 CrossFit-Games-Athletin beim Training zuschauen kann. Und es ist einfach nur beeindruckend.

Beeindruckend ist auch der Leistungsausweis von Thuri Helgadottir (übrigens: Thuri wird praktisch genau gleich wie «Züri» ausgesprochen, mit einem etwas sanfteren Z): Ihren CrossFit-Games Einstand als Individual Athlete hatte die heute 28-Jährige im Jahr 2012, gerade zwei Jahre nachdem sie mit dem Sport angefangen hatte. Und mit einem Clean and Jerk von 108 Kilo sowie einem Snatch von 87 Kilo lässt sie zahlreiche Elite-Damen des Sports hinter sich.

20 Minuten nach meiner Ankunft im CrossFit Zug setzt sich eine vollkommen ruhig atmende und nicht im Geringsten erschöpfte Thuri Helgadottir zum Interview hin.



Thuri, lass uns zu Beginn über die letztjährigen CrossFit Games sprechen. Diese markieren einen Karriere-Höhepunkt für dich: Erstmals hast du es mit dem neunten Platz in die Top 10 geschafft – eine Verbesserung von neun Plätzen im Vergleich zur Teilnahme zwei Jahre zuvor. Wie ist dir das gelungen?

Ich denke ich habe stark von der Art und Weise profitiert, wie die letztjährigen Games konzipiert waren. Damit möchte ich keinesfalls meine eigene Leistung schmälern. Aber das neue Cut-System, durch das sehr viele Athletinnen vergleichsweise früh aus dem Wettbewerb auschieden, stellte für mich einen Vorteil dar.



Inwiefern?

Weil die ersten Workouts, die bereits darüber bestimmten wer in der Competition bleibt und wer nicht, genau meinen Stärken entsprachen: Man musste viel rennen und Gymnastic-Übungen absolvieren. Und das liebe ich! Das hat mir sicherlich in die Karten gespielt. Ausserdem gehöre ich nicht zu den kräftigsten Athletinnen im Feld, ausser wenn es um Snatches und Clean and Jerks geht. Glücklicherweise kamen diejenigen Events, bei denen man richtig schwere Gewichte bewegen musste, eher gegen Ende des Wettbewerbs. Das war ein Vorteil für mich. Was aber definitiv auch eine ganz wichtige Rolle spielte: Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal überhaupt keinen Druck auf mich selber ausgeübt. In der Vergangenheit war meine Nervosität immer extrem gross gewesen. Darum beschloss ich an den letzten Games, einfach nicht nervös zu sein (lacht).



Ein sehr pragmatischer Ansatz. Und der hat offensichtlich gut funktioniert. Ich werde manchmal vor einem ganz normalen WOD nervös.

Ja, ich auch.



Wie ist es dir dann gelungen, ausgerechnet beim grössten und wichtigsten CrossFit-Event des Jahres so cool zu bleiben?

Das ist wirklich schwierig zu sagen. Ich wollte mich dieses Mal einfach nicht ein ganzes Wochenende lang unwohl fühlen. Ich habe den Event quasi Minute für Minute genossen. Und was ebenfalls sehr geholfen hat: Wir Teilnehmerinnen wussten nie wirklich, was auf uns zukam. Dementsprechend konnte ich eigentlich gar nicht nervös werden. Da uns die Workouts immer erst einige Stunden vor dem jeweiligen Event kommuniziert wurden, war ich die meiste Zeit über sehr gelassen. Ich konnte gut schlafen, habe mich verpflegt – und war dadurch in der Lage, meine Batterien immer wieder rechtzeitig aufzuladen.



Dann wirst du das in diesem Jahr wahrscheinlich wieder so handhaben.

Absolut, wenn es mir denn gelingt. Ich lasse einfach jeden Event auf mich zukommen und nehme das Ganze so, wie es nun einmal kommt. Die Leute fragen mich immer: Was ist dein Ziel in diesem Jahr? Welche Platzierung strebst du an? Und ich fühle mich jeweils dazu verpflichtet, eine Auskunft dazu abzugeben. Doch innerlich denke ich immer, dass es mir gar nichts bringt, mir solche Ziele zu stecken. Denn die Schlussplatzierung hängt schlicht und einfach von viel zu vielen Faktoren ab. Und nur wenige davon kann ich tatsächlich selber beeinflussen. Darum setzt es mich stets ein wenig unter Druck, wenn ich eine Prognose abgeben muss. Denn wenn diese einmal ausgesprochen ist, wird man auch daran gemessen. Und das wiederum schafft noch mehr Druck.


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